KEINE-SPIELE MEHR (No-More-Games) new video!





(Video montage of beginnings in Brussels, Antwerp and Amsterdam)



with Shila Anaraki

nadine, Brussels, 2005
Monty, Antwerp, 2007
Frascati, Something Raw Festival,
Amsterdam, 2007

Score Nadine, Brussel
Score Frascati, Amsterdam
Score Monty, Antwerp

TEXT in german:


Keine-Spiele mehr


2 Performer
ein komplett leerer Theaterraum
nur Saallicht, kein Material
60 Minuten
Raumbegehungsaktion mit Zuschauern

Keine-Spiele mehr ist ein Performancekonzept, dass von allen Anwesenden gemeinsam ausgeführt wird. Unter vorsichtiger Anleitung wird der Raum, mit den Zuschauern zusammen, hauptsächlich begangen. Anfangs schlicht ein paar Minuten hin und her, danach von Position zu Position. Langsam etabliert und verändert sich das frisch gewonnene Terrain des Theatersaals; Bilder, Gruppen, Gruppenbilder wechseln sich ab.
Die einzelnen Zuschauer können immer wieder entscheiden, ob sie Standorte mitwechseln oder ob sie mit zurückbleiben. Jede Person wird dadurch am Ende einen eigenen Weg zurückgelegt und eigene Perspektiven eingenommen haben.
Später im Stück wird in einem zweiten Anlauf die begonnene Entwicklung - verschiedene Räume im Raum entstehen zu lassen – performativ im Schnelldurchgang weitergedacht.
Inhaltlich versuchen wir zwischen ‚dem Plan in der Wahrnehmung‘ und ‚der Wahrnehmung im Plan‘ zu springen.


Konzept

Keine-Spiele mehr ist die Weiterführung unseres ersten Aufführungskonzepts Keine-Spiele, bzw. dessen radikale Reduktion. Während wir in Keine-Spiele unsere Sicht auf Performancekunst aus dem eigenen Kontext der Stückproduktion zu vermitteln suchten, haben wir das neue Konzept Keine-Spiele mehr auf die grundsätzliche Bewegung des Vermittelns ohne den Umweg der Materialbehandlung zugespitzt.
Anstatt uns, wie in Keine-Spiele, auf geläufige Medien zu stürzen und diesen unsere Meinung zu entlocken, gilt jetzt als Lockung nur noch der Ruf einer Faszination für die Komplexität eigener und geteilter Bewegung im großen Raum gesellschaftlicher Regelvariationen.

Keine Spiele mehr versucht ein Vorstellungs-Konzept vorzustellen, das unabhängig von Material funktioniert,  unabhängig von inhaltlichen Brüchen, unabhängig von der Not zur Negation, ohne das, was (unsere) Stücke sonst ausmacht. Wir wollen uns sicher sein, was wir anbieten, aber völlig unsicher, wie es gehen wird. Uns reicht diesmal die soziale Situation im Theater, das mitgebrachte Vertrauen des Publikums, die Verantwortung der Performenden und Stückmachenden, das prästabile Moment. Hiervon gehen wir aus, damit wollen wir umgehen.

Keine-Spiele mehr will im einfachsten Verständnis von Theater als Raum ein Angebot unterbreiten. Angesprochen wird Theater als sozialer Raum, den die Gleichzeitigkeit psychischer Räume trägt.
Als architektonischer  Raum, den seine Wände tragen, aber auch schmücken. Vor allem aber umgeben.
Als örtlicher Raum, in dem Orte entstehen und vergehen, je nach Ereignis.
Als bildhafter Raum, der das Festhalten von visuellen Eindrücken ermutigt.
Als zeitlicher Raum, den viel mehr als unsere Setzung noch die Konvention zu erwartender Dauer bildet.
Als argumentativer Raum, an dessen ewigen Diskurs wir uns nur anschließen können.
Als körperlicher Raum, gefüllt, gefühlt und ständig den absoluten Maßstab gegen den eigenen haltend.
Als sozial-körperlicher, wenn man Unbekannte stets besser kennt, sich in unmittelbarer Umgebung fremder Körper aufhält.

Beschreibung


Keine-Spiele mehr wird die Anwesenden bitten für die Zeit von ca. 60 Minuten den Performern im wahrsten Sinn des Wortes zu folgen. Tatsächlich soll mit allen viel gegangen werden, lange hin und her, dann in bestimmte Richtungen, an bestimmte Orte, in bestimmte und unbestimmte Positionen, in Formationen.
Der konkreten Entwicklung in den Bewegungen und Konstellationen muss gegenüberstehen, dass imbloßen Laufen schon genug Potential fürs Spektakel liegt. Eine Zurücknahme im Ausdruck, die für unser Spiel allerdings eine Differenzierung im Ausdrücken fordert.

In unserem ersten Versuch (im Dezember 2005 in Nadine/Brüssel) haben wir den kritischen Moment, welcher nach einer Weile des Ablaufens von Positionen entsteht – nachdem das mitmachende Publikum sich zwischen Begnügung und Erwartung eingefunden hat - doch in einer performativen Situation aufgehen lassen. Die Lösung lag einerseits äußerlich im Bruch: Shila verließ plötzlich den Raum. Anderseits inhaltlich in der Weiterführung auf anderer Ebene - auch das im wahrsten Sinn des Wortes: eine Etage über dem Raum hörte man sie jetzt eine ähnliche Begehung, wie die grade mit der Gruppe abgeschlossene, ausführen. Jetzt allerdings alleine, nicht sichtbar und nur durch den Filter der Decke zu hören.

Während Keine-Spiele mehr gibt es ein paar eindeutige Nachzeichnungen der Räume in so genannten Modellen. Auf unterschiedliche Arten und Weisen kartographieren wir die Situation. Dafür wechseln verschiedene Oberflächen ihre bisherige Funktion: unsere Hände teilen sich in eine Zeigende und eine ‚Bezeigte‘ (und auf ihr das Gezeigte), der Boden wird sein eigener Plan, die Wand übernimmt, die sich im Raum schließlich verteilende Gruppe zeichnet die akustische Gegend des Zuhörenden nach.
Die Modelle gehen in ihrer Abstraktion architektonischer und auch aktueller  Eigenschaften (z.B. im Zeigen auf unsere Positionen) noch nicht so weit, wie die später vollkommen subjektivierte Architektur der Imagination, die nicht viel mehr, als alleiniges Wahrnehmen der Bedeutungsräume im Geschehen sein soll, angefangen mit der Konzentration aufs Akustische. Die ganze Zeit anwesend, wird es am Schluss von oben  ‚eingespielt‘ (Shila laut gehend in der 2. Etage).
Nicht in der direkten Übertragung des Sichtbaren wird hier ein Raum aufgemacht, sondern im Weiter- und Rückgeführten, übers Nachlaufen ins Bedenken des eigenen Verlaufs, in der Erinnerung an den Raum von vorhin - in dem ich zwar noch stehe, aber in dem Ich auch schon wieder etwas anderes meint. Das aktuelle Ich im aktualisierten Verlauf. Doch diesmal nicht als aktiver Lauf. Diesmal als formaler.

In Keine-Spiele mehr wird gesprochen. Am liebsten so wenig wie möglich. Aber wir wollen vermitteln, neben und mit Sprache. Wir versuchen leicht zu „führen“. So sachlich wie möglich sollte das gelingen, ohne irgendwelche Verhaltensregeln. Die von den Einzelnen eingenommenen Rollen gehen uns nichts an, Mitlaufende oder Mit-Stehenbleibende; wir kümmern uns um Anzahl und Position/Aktion. Die Art und Weise, wie wir das machen, soll die einer ‚leichten Führung‘ sein: wie im Museum, wo man ja auch aus eigenem Interesse mitgeht.
Was ist mit dem Imperativ des „Please, come with me...“? Ist er schon Manipulation oder noch Frage? Oder das eine durchs andere? Ist er die schlimmere Macht? Oder ist verwirrend, dass sich scheinbar um die Machtverhältnisse herumgeschlichen wird? Nein, das wohl nicht, alles ist klar. Und kann sogar noch klarer. Alle wissen, dass wir wissen, dass alle wissen... Aber es gibt noch eine andere zu entdeckende Klarheit:  die Klarheit  der Verletzlichkeit. Wir sind die Verletzbaren, wir können verlieren. Wie in jedem Theater, ja. Aber hier kann mehr schief gehen, als nur ein Stück. Hier kann ein ganzer Entwurf scheitern. Ein Entwurf der Behauptung: „auch dies kann unter Umständen Theater sein. Orientierung gibt es noch wenig, aber wir werden ja sehen, wer von uns als erstes einen Meilenstein legt. Ich sage, es geht hier lang. Aber ihr könntet mir diese Aussage nicht abnehmen. Und an der Stelle ist dann der Nullpunkt.“
Immerhin wollen wir nicht gehen lassen, sondern gehen, also mitgehen.

Auszug aus Erlebnisbericht des zweiten Try-Outs:
„Die unterschiedliche Bedeutung des ersten „wir gehen jetzt eine Weile hin und her, und damit der klarsten, ehrlichsten Interpretation des angekündigten ‚Mitlaufens‘ macht sich an der Quantität der Gäste fest. 34 Leute in Bewegung zu setzen ist sehr anders, als 16 am Vorabend. Die Entscheidung des Losgeh-Moments verteilt sich auf viele, Übersicht ist schwierig, ob man vorpreschend oder zurückhaltend ist, entscheidet sich im Ganzen. Noch tragender verhält es sich in den Umkehrmomenten. Ist es gerappelt voll, wird die physikalische Kehrtwende schnell zur inhaltlichen, wenn nämlich, wer eben hinterher lief, plötzlich die Initiative übernehmen soll. Oder kann. 
Hier passiert die folgende Bewegung (und zwar beide Male): zuerst wendet niemand von selbst; wir müssen mehrmals bestätigen, dass wirklich hin und her gelaufen werden soll. Dann wird als Gruppe gewendet (heißt, nicht alle erreichen das jeweilige Raum-Ende). Und schließlich als Einzelne (alle laufen jeweils durch bis zum Raum-Ende).“

David Helbich, Brüssel, 2006




 

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